Dendrobates
WAGLER
Baumsteiger, Pfeilgiftfrosch
|
Klasse
|
Amphibia
|
|
Ordnung
|
Anura
|
|
Überfamilie
|
Hyloidea
|
|
Familie
|
Dendrobatidae
|
|
Unterfamilie
|
Dendrobatinae
|
|
Gattung
|
Dendrobates
|
|
engl.: Poison-Arrow Frogs
Die Frösche aus der Gattung Dendrobates zählen vermutlich zu den beliebtesten in der Terraristik. Ihrem hübschen Aussehen haben sie es allerdings auch zu verdanken, dass sie Anfang der 80er Jahre in so großen Mengen aus ihrem Lebensraum herausgefangen worden sind, dass sie z.T. am Rande der Ausrottung standen. Seitdem sind alle Arten nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen geschützt. Seit dem 01.01.1987 zählen sie zudem nach dem Bundesnaturschutzgesetz zu den besonders geschützten Arten. Die eigentliche Gefahr sind jedoch nicht die weltweit verbreiteten Enthusiasten, sondern die zunehmende Zerstörung des Lebensraumes. Einige Arten wie z.B. Dendrobates tinctorius “azureus” leben in einem so kleinen Gebiet, dass geringste negative Einflüsse zur Ausrottung führen können (siehe auch ZIMMERMANN & ZIMMERMANN 1987a).
Die kleinen Frösche sind tagaktiv, wobei es bei einigen Arten über den Tag verteilt mehrere Phasen erhöhter Aktivität gibt. MARKERT (1982) führte diesbezüglich weitere Untersuchungen bei Oophaga pumilia, Dendrobates auratus und Phyllobates vittatus durch. Es wurde über einen Gesamtzeitraum von 500 Std. stündlich notiert, ob sich die Amphibien in einer passiven oder in einer aktiven Phase befanden. Hierbei zeigte sich bei D. auratus und P. vittatus eine erhöhte Aktivität am Morgen und zwar schon bevor das Licht eingeschaltet wurde. Daraufhin folgte eine weitere Phase erhöhter Aktivität am Mittag. Am Abend, so gegen 20 Uhr, waren die Frösche wieder etwas aktiver. Von 24 Uhr bis nach 4 Uhr fanden praktische keine Sichtungen mehr statt. Bei Oophaga pumilia waren die Ergebnisse jedoch nicht so eindeutig. Die Frösche scheinen über den ganzen Tag hinweg nahezu konstant aktiv zu sein, nur zwischen 24 Uhr und etwa 4 Uhr besteht eine Phase erhöhter Passivität.
Es besteht eine enge Verwandtschaft zur Gattung Phyllobates. In beiden Gattungen fehlt z.B. der Amplexus bei der Paarung. Unterscheiden kann man beide Gattungen u.a. dadurch, dass den Vertretern der Gattung Dendrobates die Zähne fehlen. Außerdem ist bei ihnen der erste Finger immer kürzer als der zweite. Sie kriegen mit weniger als 10 Eiern auch deutlich weniger Nachwuchs. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Mittel- bis Südamerika. Die Tiere leben hauptsächlich in Flachland- und Bergregenwäldern in z.T. sehr schwer zugänglichen Regionen. Einige Arten haben sich als Kulturfolger erwiesen und kommen auch auf Bananenplantagen und Wiesen vor.
Wie der deutsche Name schon verrät, produzieren diese Frösche ein wirksames Hautgift. Allerdings werden nicht die Arten der Gattung Dendrobates von den Ureinwohnern für die Blasrohrpfeile genutzt. Vielmehr sind es einige Vertreter der Gattung Phyllobates. Beim Gift handelt es sich um neurotoxische Alkaloide. Wozu das Gift dient ist noch nicht ganz klar. Selbstverständlich kann es zur Abwehr von Fressfeinden dienen, aber auch eine Schutzwirkung gegenüber Bakterien und Pilzen wird diskutiert. Höchstwahrscheinlich produzieren die Frösche das Gift nicht selbst sondern nehmen es mit der Nahrung auf (z.B. Ameisen, Tausendfüßer und bestimmte Käferarten). In den Augen kann das Gift von Dendrobates tinctorius “azureus” ein starkes Brennen hervorrufen (DIVOSSEN 2008). DOST (2000) vermutet, dass einer der Gründe, warum Pfeilgiftfrösche in Gefangenschaft ihre Giftigkeit verlieren, darin liegt, dass sie keine Insekten als Nahrung bekommen, die Alkaloide enthalten, wie es z.B. bei Ameisen der Fall ist.
Bei der Gruppengröße gibt es unterschiedliche Meinungen. Während einige Autoren eine paarweise Haltung empfehlen, berichten andere, dass sich eine Gruppenhaltung von 4-6 Tieren bewährt hat. In Endeffekt spielt sicherlich die Strukturierung und die Größe des Terrariums eine entscheidende Rolle.
Die Fütterung ist nicht immer einfach, da man eine größere Menge von Kleinstinsekten braucht. Anbieten kann man z.B. Drosophila, Springschwänze (die in freier Wildbahn vermutlich den größten Teil der Nahrung ausmachen), Mikrogrillen, Blattläuse, Wachsmaden, kleine Nacktschnecken und Wiesenplankton. Die Untersuchung des Aminosäure-Profils von Drosophila melanogaster und von Springschwänzen ergab ein optimaleres Ergebnis bei den Springschwänzen (BIRKHAHN 1991). Um Mangelerscheinungen vorzubeugen, sollten die Futtertiere einmal wöchentlich mit einem Mineral-Vitamin-Gemsich bestäubt werden. Die Kaulquappen werden mit frischer tierischer Kost (tiefgefrorene rote und schwarze Mückenlarven, Daphnien, zerstückelte Regenwürmer, Salinenkrebse, Bachflohkrebse) oder Trockenfutter wie z.B. Hundefutter und Fischflockenfutter gefüttert. Auch Knochenmehl, Algen und Tetraphyll können verwendet werden (HESELHAUS 1983). TOMEY (1992) gibt folgendes Rezept für das Kaulquappenfutter an: 2 Esslöffel fein zerstoßener Pellets für Baby-Forellen, 1 Esslöffel TetraMin, 1 Esslöffel TetraPhyll, 1 gestrichener Esslöffel Brennesselpulver, 1 Esslöffel zerstoßener TabiMin-Tabletten, 1 Eierlöffel zerstoßener Spirulina-Tabletten, 1 Teelöffel Bienenpollen, 1 Teelöffel eines vitaminisierten Kalkpräparates.
Die Rivalitätskämpfe finden nach Dendrobates-Manier statt. Dabei wird der Gegner in der Hüftgegend umklammert und z.T. über weite Strecken mitgeschleift. Das unterlegene Tier drückt den Körper flach auf den Boden, so dass der dominante Frosch die Umklammerung wieder löst.
Die Geschlechter können bei dieser Gattung recht einfach unterschieden werden, wenn es sich um adulte Tiere handelt. Weibchen sind größer und kräftiger gebaut. Männchen haben vergrößerte Fingerkuppen, die wie die Blätter eines Gingko-Baumes anmuten.
Bei Kauf ist darauf zu achten, dass es sich um Nachzuchten handelt. SCHULTE (1979) rät dazu nur Tiere mit glänzender Haut zu erstehen. Exemplare mit stumpfer Haut wurden falsch gehalten oder sind krank.
Für die Aufbereitung des Aufzuchtwassers für die Larven empfiehlt TOMEY (1992) den Einsatz von Tetra AquaSafe (2 Tropfen auf 80 ml). Das so behandelte Wasser sollte alle 2 Tage ausgewechselt werden. Außerdem erwähnt er den Einsatz von Tetra General Tonic im Sprühwasser (1 ml auf 2,5 Liter Wasser), um Frösche und Gelege vor Bakterien und Schimmel zu bewahren.
Probleme bei der Zucht
Gelegentlich treten aus scheinbar unerklärlichen Gründen Mißbildungen beim Nachwuchs auf. Besonders gefürchtet ist die Streichholzbein-Entstehung. Hierbei treten nach einer normalerweise völlig normalen Entwicklung der Kaulquappen unterentwickelte und nicht funktionsfähige Vorderbeine auf. HESELHAUS (1983) berichtet sogar, dass die Beine gelegentlich unter der Haut steckenbleiben oder quer unter der Haut verlaufen, um auf der gegenüberliegenden Seite auszutreten. KRINTLER (1988) beobachtete dieses Phänomen z.B. bei Dendrobates leucomelas und Dendrobates auratus. Das Problem führt KRINTLER auf eine mangelhafte Ernährung der Elterntiere zurück. Ähnliche Probleme beobachtete er auch bei Hyla ebraccata. Wenn die Frösche mit reichlich Wiesenplankton ernährt wurden, traten auch keine Mißbildungen beim Nachwuchs auf. Erst als die Frösche mit Stubenfliegen in nicht ausreichender Menge und ohne Anreicherung mit Vitaminen gefüttert wurden, kam es zu Streichholzbeinen bei den Jungfröschen. Das Ernährungsdefizit bei den Elterntieren konnte auch durch ausreichende Fütterung der Kaulquappen nicht mehr ausgeglichen werden. Genetische Probleme aufgrund von Inzuchten scheinen unwahrscheinlich, da blutsverwandte Pärchen mal gesunden und mal mißgebildeten Nachwuchs produzieren. SCHULTE (1980) vermutete die Ursache des Defektes bei den Elterntieren. Gegen einen Gendefekt sprach jedoch die gleiche Beobachtung KRINTLERS, dass immer wieder gesunder Nachwuchs aufgezogen werden konnte. Weitere Beobachtungen machte HESELHAUS (1983). Trotz intensiver Nahrungsergänzung mit Vitaminen und abwechslungsreicher Ernährung traten immer wieder Streichholzbeine auf. Auch die Temperatur und die Wasserqualität wurden variiert und zeigten keinen Einfluss auf die Entwicklung. Das Problem schien also schon bei den Elterntieren zu liegen. HESELHAUS beobachtete als weiteres Problem bei der Zucht von Dendrobates tricolor, dass es gelegentlich nach drei Tagen zur Aufblähung des Dottersacks der Larven im Ei kam. Die Larven waren alle nicht lebensfähig. Auch bei diesem Krankheitsbild sah er das Problem bei den Elterntieren. BIRKHAHN (1991) setzte sich intensiver mit der Nachzuchtproblematik auseinander. Er führt neben der Streichholzbein-Entstehung als häufige Probleme außerdem die geringe Schlupfrate unter Aufquellen der Eier und hohe Sterblichkeit der Kaulquappen sowie mangelndes Wachstum und Mißbildungen wie Rückgratverkrümmungen und Lähmungserscheinungen auf. Die o.g. Probleme traten trotz Supplementierung mit Vitaminen und Mineralstoffen auf, so dass die Vermutung nahe lag, dass ein Mangel an essentiellen Aminosäuren in der Nahrung ursächlich sein könnte. Um die optimale Aminosäure-Zusammensetzung in der Nahrung zu bestimmen, wurde der Proteinaufbau von jeweils vier Wildfängen der Arten Dendrobates tinctorius, D. auratus und D. leucomelas analysiert und mit der von mißgebildeten Nachwuchstieren verglichen. Hierbei konnte BIRKHAHN zeigen, dass bei den mißgebildeten Nachwuchstieren ein Mangel an essentiellen Aminosäuren um 5-15% im Vergleich zu Wildfängen bestand. Diese Erkenntnisse führten zur Vermutung, dass ein Defizit in der Aminosäurenversorgung vorlag. Um diese Vermutung zu bekräftigen, ließ BIRKHAHN eine Mischung aus essentiellen Aminosäuren, Vitaminen und Mineralstoffen herstellen. Diese Mischung wurde Gruppen von kleinwüchsigen Dendrobates tricolor und D. tinctorius verabreicht, die bislang nur Gelege produziert hatten, in denen sich die Eier nicht entwickelten oder aus denen mißgebildeter Nachwuchs entstand. Wenige Monate später erzeugten beide Gruppen Gelege, aus denen sich gesunde Frösche entwickelten.
Fortführende Informationen
Bestimmungsschlüssel der Gattung Dendrobates aus Panama.
Literatur
BIRKHAHN, H. (1991): Neue Erkenntnisse über die Aminosäureversorgung bei Dendrobatiden. - herpetofauna, Weinstadt, Nr. 74: 23-28.
DIVOSSEN, H. (2008): Auf der Suche nach dem Blauen Pfeilgiftfrosch in der Sipalawini-Savanne in Surinam. - REPTILIA, Natur und Tier-Verlag, Münster, 12(6): 44-49.
DOST, U. (2000a): Der Blaue Pfeilgiftfrosch, Dendrobates azureus. - VDA-aktuell, Bochum, 1/2000: 45-49.
GLAW, F., J. KÖHLER, R. HOFRICHTER & A. DUBOIS (1998): Systematik der Amphibien: Liste der rezenten Familien, Gattungen und Arten. - in: R. HOFRICHTER.(ed): Amphibien. - Naturbuch-Verlag, Augsburg: S. 252-258.
HESELHAUS, R. (1983): Zum Problem der “Streichholzvorderbeine” bei Dendrobatidennachzuchten. - herpetofauna, Weinstadt, Nr. 26: 22-24.
HESELHAUS, R. (1988): Pfeilgiftfrösche. - Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 99 S.
KRINTLER, K. (1988): Beobachtungen zum Problem der “Streichholzbeine” bei Dendrobatiden und Hyliden. - herpetofauna, Weinstadt, 52: 30-31.
LÖTTERS, S. (2000): Pfeilgiftfrösche - Eine Einführung in die Biologie, Systematik und Verbreitung. - DRACO, Natur und Tier-Verlag, Münster, 1(3): 4-15.
LÖTTERS, S. & M. VENCES (2000): Bemerkungen zur Nomenklatur und Taxonomie peruanischer Pfeilgiftfrösche (Anura: Dendrobatidae: Dendrobates, Epipedobates). - Salamandra, Rheinbach, 36(4): 247-260.
MARKERT, T. (1982): Die “innere Uhr” - Aktivitätsperiodik bei Dendrobaten. - herpetofauna, Weinstadt, Nr. 16: 32-34.
MYERS, C. W. & J. D. DALY (1976): Preliminary evaluation of skin toxins and vocalization in taxonomic and evolutionary studies of poison-dart frogs (Dendrobatidae).- Bull. Am. Mus. Nat. Hist., New York, 157(3): 173-262.
MYERS, C. W. (1983): Pfeilgiftfrösche.- Spektrum der Wissenschaft, 1983(4): 34-43.
SAVAGE, J. M. (1968): The dendrobatid frogs of Central America.- Copeia, Washington, 1968(4): 745-776.
SCHMIDT, W. & F. W. HENKEL (1995): Pfeilgiftfrösche im Terrarium. - Landbuch Verlag, Hannover
SCHULTE, R. (1979): Die Dendrobatiden Panamas. Teil 1. - herpetofauna, Weinstadt, Nr. 2: 6-14.
SCHULTE, R. (1980): Bemerkungen zu Froschkrankheiten, speziell bei Dendrobatiden. - herpetofauna, Ludwigsburg, 2(5): 15-17.
SIVERSTONE, P. A. (1975): A revision of the poison-arrow frogs of the genus Dendrobates WAGLER.- Nat. Hist. Mus. Los Angeles County Sci. Bull., 27: 1-53.
TOMEY, W. A. (1992): Farbige Baumsteiger. - TI Magazin, Melle, 112: 50-55.
WALLS, J. G. (1994): Jewels of the rainforest - Poison frogs of the family Dendrobatidae.- Neptune (T. F. H. Publications Inc.), 288 S.
WOLLENBERG, K. C. , M. VEITH, B. NOONAN & S. LÖTTERS (2006): Polymorphism versus species richness - systematics of large Dendrobates from eastern Guiana Shield (Amphibia: Dendrobatidae). - Copeia 2006(4): 623-629.
ZIMMERMANN, H. & E. ZIMMERMANN (1987a): Zur Situation der Baumsteiger- oder Pfeilgiftfrösche (Fam. Dendrobatidae) in der Natur sowie zu ihrer Arterhaltung durch Zucht und ihrem Schutz durch Gesetze. - herpetofauna, Weinstadt, Nr. 49: 31-34.
ZIMMERMANN, H. & E. ZIMMERMANN (1987b): Mindestanforderungen für eine artgerechte Haltung einiger tropischer Anurenarten. - Z. Kölner Zoo, 30(2): 61-71.
ZIMMERMANN, H. & E. ZIMMERMANN (1988): Etho-Taxonomie und zoogeographische Artengruppenbildung bei Pfeilgiftfröschen. - Salamandra, Bonn, 24(2/3): 125-160.
Arten:
A Dendrobates abditus Dendrobates altobueyensis Dendrobates amazonicus Dendrobates arboreus Dendrobates auratus
B Dendrobates biolat Dendrobates bombetes
C Dendrobates captivus Dendrobates castaneoticus Dendrobates claudiae
D Dendrobates duellmani
F Dendrobates fantasticus Dendrobates flavovittatus Dendrobates fulguritus
G Dendrobates galactonotus Dendrobates granuliferus (Steckbrief)
H Dendrobates histrionicus
I Dendrobates imitator
L Dendrobates lamasi Dendrobates lehmanni Dendrobates leucomelas
M Dendrobates minutus Dendrobates mysteriosus
O Dendrobates occultator Dendrobates opisthomelas
Q Dendrobates quinquevittatus
R Dendrobates reticulatus Dendrobates rubrocephalus
S Dendrobates sirensis Dendrobates speciosus Dendrobates steyermarki
T Dendrobates tinctorius Dendrobates truncatus
V Dendrobates vanzolinii Dendrobates variabilis Dendrobates ventrimaculatus Dendrobates vicentei Dendrobates viridis Dendrobates virolinensis
|